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Amtlich bewilligte Zerstörung in Disla

Landwirtschaftliche Gesamtmeliorationen sind gross angelegte Vorhaben, deren Projektierung sich jeweils über Jahre hinzieht. Unzählige Ämter und Fachstellen sind bemüht, die aus ihrer Sicht wichtigen Punkte einzubringen. Das definitve Auflageprojekt ist in aller Regel ein mehr oder weniger gelungener Kompromiss. Eine Melioration tangiert immer auch natur- und heimatschützerische Interessen. Und nicht selten kommen diese bei der Lösungsfindung unter die Räder. Selbst dann, wenn sie von Gesetzes wegen gar nicht verhandelbar wären. Exemplarisch lässt sich dies an der Gesamtmelioration der Gemeinde Disentis/Mustér zeigen. In deren Rahmen sind im Bereich des Weilers Disla landwirtschaftliche Erschliessungsstrassen geplant sind, die 2018 vom damals zuständigen Regierungsrat zwar genehmigt worden sind – tatsächlich aber nicht bewilligungsfähig gewesen wären.

Nationale Schutzobjekte tangiert
Das östlich von Disentis/Mustér gelegene Disla ist im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz ISOS als Weiler von nationaler Bedeutung aufgeführt. Nördlich der Siedlung bildet ein coupierter und reich mit Baumgruppen, Buschwerk, punktuellen Schuttbereichen sowie Lesesteinmäuerchen strukturierter Wieshang den intakten und authentischen Hintergrund des Ortes. Zum Rhein hin prägt eine steil abfallende, aber fein modulierte Topografie das Bild. In diesen hoch sensiblen Zonen sind im Rahmen der genehmigten Melioration 4 m breite Strassen geplant, die ohne massive Eingriffe in den Bestand nicht gebaut werden können.

Zudem sind zwei Abschnitte des alten Saumwegs von Ilanz nach Disentis im Gebiet Disla im Bundesinventar der historischen Verkehrswege der Schweiz IVS als Objekte von nationaler Bedeutung aufgeführt. Jenen Teil des Weges, der von Disla Richtung Nordosten nach Madernal führt, will man massgeblich verbreitern, wobei die bestehenden, den Weg säumenden Trockenmauern abgebrochen und nach der Verbreiterung des Strassentrassees in ähnlicher Art wiederaufgebaut werden sollen. Damit kann zwar die historische Linienführung wiederhergestellt werden, die historische Substanz und die Authentizität des historischen Verkehrsweges gehen jedoch gänzlich verloren.

ENHK-Gutachten konstatiert «schwerwiegende Beeinträchtigung»
Im Zusammenhang mit einem geplanten Stallgebäude hatte der Bündner Heimatschutz den kantonalen Behörden 2019 empfohlen, ein Gutachten der Eidgenössischen Kommission für Natur- und Heimatschutz ENHK einzuholen. Dieses liegt nun seit Juni 2020 vor. In ihrer Expertise geht die ENHK nebenbei auch auf die geplante Meliorationsstrassen ein. Mit Begfremden konstatiert sie, dass sie «weder im Rahmen des Bauprojekts noch des Subventionsverfahrens durch den Bund […] zur Stellungnahme eingeladen» worden sei. Die Kommission kommt zum eindeutigen Schluss, dass das Strassenbauprojekt eine schwerwiegende Beeinträchtigung der beiden Objekte von nationaler Bedeutung bedeuten würde – und entsprechend nicht hätte bewilligt werden dürfen.

Revisionsgesuch eingereicht
Die Meliorationskommission wie auch die involvierten Ämter zeigten sich von den Ausführungen der ENHK unbeeindruckt – und verfolgten das (genehmigte) Meliorationsvorhaben wie geplant weiter. Bewegung in die Sache brachte der Schriftsteller Leo Tuor, der sich anlässlich einer sonntäglichen Velofahrt der bereits getätigten Zerstörungen am erwähnten IVS-Objekt gewahr wurde – und zu einem sofortigen Baustopp aufrief. In der Folge hat sich der Bündner Heimatschutz an den zuständigen Regierungsrat gewandt und um eine Revision der Projekt-Genehmigung ersucht. Dem Revisionsbegehren schlossen sich Leo Turo, alt Bundesrichter Giusep Nay und Hochparterre-Verleger Köbi Gantenbein an. Derweil sind die Bauarbeiten am alten Weg zwischen Disla und Madernal gestoppt – «pil mument» («für den Moment»), wie Walter Deplazes, der Präsident der Meliorationskommission, betont.

Bewilligungspraxis überdenken
Wir erwarten, dass die Regierung ihrer Verantwortung nachkommt und das Meliorationsprojekt in den rechtswidrigen Punkten überarbeiten lässt. Und darüber hinaus, dass der Kanton seinen Umgang mit den bundesgesetzlichen Bestimmungen zum Natur- und Heimatschutz bzw. den rechtlich verbindichen Bestimmungen der Bundesinventare grundsätzlich überdenkt!

Nationales Schutzobjekt

Der Weg von Disla nach Madernal ist im Bundesinventar der historischen Verkehrswege der Schweiz IVS als national bedeutend eingestuft.

Revisionsgesuch

Bezugnehmend auf ein in anderem Zusammenhang erarbeitetes ENHK-Gutachten hat der Bündner Heimatschutz den Kanton um eine Revision der Meliorations-Genehmigung ersucht.

>ENHK-Gutachten

>Revisionsgesuch BHS