Das Outlet-Dorf als raumplanerisches Mahnmal
(Jürg Ragettli, Präsident Bündner Heimatschutz, in: Heimatschutz 1/2010)
Das „Trauerspiel“, vor dem der Bündner Heimatschutz vor drei Jahren warnte, als die Pläne für ein „Einkaufsdorf“ im Gebiet Tardis bei Landquart publik wurden, wird nun aufgeführt. Angeprangert wurden damals schon der verschwenderische Umgang mit Bauland im besterschlossenen Industrie- und Gewerbegebiet Graubündens und das unsinnige bauliche Konzept des Einkaufszentrums als oberflächliche Inszenierung einer Dörflikulisse. Es gelang aber nicht, einen starken öffentlichen Druck zu erzeugen, um das Vorhaben in dieser Form zu kippen; rechtliche Mittel in einem solchen Fall haben in Graubünden die Natur- und Heimatschutzorganisationen keine.
Das Einkaufszentrum im Bündner Rheintal ist nun eine erste ebenso prominente wie fatale bauliche Visitenkarte des Kantons am Eingang zu Graubünden, direkt gegenüber des Bahnhofs Landquart und am Autobahnanschluss. Seit Winteranfang ist es eröffnet, das sogenannte „Alpenrhein Village“, ein Einkaufszentrum für „Outlet Shopping“, ein Retorten-Konsumdorf mit enormen Ausmassen, zumindest flächenmässig. Auf über 80'000 m2 Grundfläche ist das ganze Einkaufszentrum eingeschossig angelegt mit 21'000 m2 Ladenfläche in 92 Shops; etwa 40 davon sind heute besetzt. Die Ausnützung entspricht einem Einfamilienhausquartier mit sehr geringer Dichte.
In zwei Reihen mit einer offenen Einkaufsstrasse in der Mitte sind insgesamt etwa 90 Shops angeordnet, gleiche Ladeneinheiten wie Container, 9 Meter breit und 24 Metern tief, auf über 400 Metern aneinander aufgereiht, teils leicht versetzt, manchmal leicht verwinkelt, um eine reichlich gewundene Passage zu bilden. Zur inneren Einkaufsstrasse hin sind die gesichtlosen eingeschossigen Flachdachbauten bunt kostümiert als zweigeschossige Einfamilienhäuschen mit einer 5 Meter tiefen, leeren Kulisse mit Giebeldächlein und Balkonen im Obergeschoss. Die Gestaltungselemente beschränken sich auf wenige Motive, die sich in Variationen immer wieder wiederholen, dem Computer sei Dank. Vorragende Balkone; Bretterverkleidungen, eiserne Arkaden, verputzte weisse Wände und Sichtmauerwerk aus dunklem Klinkerstein, das beim Draufklopfen hohl und dünn wie Karton tönt, manchmal gar eine Verzierung mit gemalten Eckornamenten wechseln sich ab. Auf der nüchternen Rückseite sind die Bauten eingeschossig mit Flachdächern eingedeckt; vereinzelte angebrachte Bretterwände mit Giebeln dienen als Plakatwände. Das Bild der biederen und sterilen „Hüsli“-Agglomeration, wie es landaus, landein zu erleben ist, kulminiert im Outlet-Dörfli zum Monument der raumplanerischen Unvernunft und des architektonischen Unsinns.
Der verschwenderische Konsum von (bau)landschaftlichen Resourcen zeigt sich nicht nur in der eingeschossigen Anlage der Ladeneinheiten, sondern ebenso in ausgedehnten Parkierungsfelder an beiden Enden der Anlage, die noch grössere Flächen als die Shops beanspruchen, Parkplätze für insgesamt 1'200 Autos, 360 davon sind zweigeschossig halb unterirdisch angelegt. Die grelle Beleuchtung der weiten Asphaltflächen ist aufgrund von heftigen Reklamationen von Bewohnern der benachbarten Gemeinde Mastrils in der späten Nacht nun abgeschaltet.
Das Bündner Rheintal, das Gebiet zwischen der Bündner Herrschaft, Chur und Reichenau ist das dichtbesiedelste Gebiet Graubündens; hier liegen auch die industriellgewerblichen Schwerpunkte des Kantons. Die sehr gute Verbindung mit der Metropolitanregion Zürich und dem Schweizerischen Städtenetz lässt diese Region weiter prosperieren. Der Kantonale Richtplan definiert das Bündner Rheintal als zusammenhängenden städtischen und Agglomerations-Raum. Immer deutlicher wird, wie hier die Siedlungen und gewerbliche, industrielle und technische Infrastrukturen langsam zusammenwachsen; eine Rheintalstadt bis zum Bodensee kündigt sich an. Für die Zukunft des Bündner Rheintals muss das Outlet Village Alpenrhein deshalb ein Warnsignal sein. Soll die Ebene zur gesichtlosen Gewerbeperipherie und Agglomeration verkommen, wie wir sie unterdessen vielerorts antreffen von der Magadinoebene bis ins Schweizer Mitteland? Einzufordern ist, dass weitere strukturelle wirtschaftliche und bauliche Entwicklungen im Bündner Rheintal vorausschauend, haushälterisch und mit raumplanerischer, städtebaulicher und architektonischer Vernunft erfolgen.
Das Outlet-Dorf als raumplanerisches Mahnmal. Jürg Ragettli, in: Heimatschutz 1/2010. (Text oben als pdf)
Weitere Beiträge des Bündner Heimatschutzes diesem Thema:
Das geplante Outlet-Village im Tardisland ist eine unsinnige Kulissenarchitektur (17.3.2008)
Unsinnige Architektur für das geplante Outlet-Center Tardisland (Leserbrief zum Artikel «Parkplätze für Igis, Häuser für Zizers» in: Die Südostschweiz 16.2.06)
Links zum Thema Alpenrhein Outlet Village:
Das Tor zu Graubünden. Eine Mischung aus Wildem Westen, Biedersinn und Alpsegen: Das Alpenrhein Village bei Landquart, ein Einkaufszentrum aus 90 Häuschen. Köbi Gantenbein in: HochParterre 1-2 / 2010 (pdf)
Der Architekturkritiker und das Outlet Village. Köbi Gantenbein, Chefredaktor Zeitschrift Hochparterre inm Gespräch mit Sara Hauschild. Radiosendung DRS 1 Regionaljournal Graubünden, 25.11.2009 |
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(Foto: Dominic Ott)

(Foto: Dominic Ott)

Links zum Thema Alpenrhein Outlet Village:
Das Tor zu Graubünden. Eine Mischung aus Wildem Westen, Biedersinn und Alpsegen: Das Alpenrhein Village bei Landquart, ein Einkaufszentrum aus 90 Häuschen. Köbi Gantenbein in: HochParterre 1-2 / 2010 (pdf)
Der Architekturkritiker und das Outlet Village. Köbi Gantenbein, Chefredaktor Zeitschrift Hochparterre inm Gespräch mit Sara Hauschild. Radiosendung DRS 1 Regionaljournal Graubünden, 25.11.2009
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