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Für eine denkmalgerechte Renovation des Churer Konvikts

Das Konvikt in Chur, ein Baudenkmal der Nachkriegsmoderne (Foto: Ralph Feiner).

Die Auseinandersetzung mit Bauten der Nachkriegsmoderne gehört zu den zentralen Themen, welche die Architekturgeschichte und Denkmalpflege derzeit bewegen. Noch ist das Bewusstsein für die Schutzwürdigkeit und die Notwendigkeit eines behutsamen Umgangs mit den wertvollen Bauten aus den 1950er-, 60er- und frühen 70er-Jahre ist allerdings gering. 

Trotz ihres landläufige schlechten Rufs: Qualitätsvolle Bauten der Nackriegszeit tragen mit zu unserer Identität bei und verdienen die gleiche Beachtung und den gleichen Respekt wie die wertvollen Bauten früherer historischer Epochen. Entsprechend sollten sie auch möglichst authentisch als Dokumente ihrer Zeit überliefert werden. Die Realität sieht leider anders aus: Der Weiterbestand auch der wertvollen Bauten aus den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg ist gefährdet, sei es durch Abbruch oder durch unreflektierte Neuerungen, etwa in Bezug auf energetischen Optimierungen: Statt die Bauwerke unter Berücksichtigung ihrer planerischen und gestalterischen Intentionen zu bewerten und sie in ihren konzeptionellen und baulichen Qualitäten zu bewahren, werden sie mit dogmatischen Vorgaben, sprich: Normen konfrontiert, die für Neubauten entwickelt worden sind – und damit nicht selten «zu Tode saniert».

Auch in Chur sind während des Baubooms der Nachkriegszeit, namentlich in den 1960er-Jahren, architektonisch bedeutende Gebäude entstanden. Zu den bedeutendsten Churer Bauten jener Jahre gehört auch das Wohnheim der Bündner Kantonsschule, das sog. Konvikt, erbaut zwischen 1967 und 1969 nach Plänen des Architekten Otto Glaus. Das Konvikt  ist weitgehend im Originalzustand erhalten - und wird ab Sommer 2018 renoviert.

Um für den baukulturellen Wert des Bauwerks zu sensibilisieren und den baulichen Umgang bei der Renovation zu thematisieren, hatte der Bündner Heimatschutz bereits im Oktober 2013 eine viel beachtete Tagung zum Thema «Churer Konvikt: wie weiter?» durchgeführt (Programm).

In deren Nachgang hatte uns Regierungsrat Mario Cavigelli versichert, dass der Kanton den besonderen Wert des Konvikts anerkenne und um eine sorgsame Behandlung des Bauwerks bemüht sein werde. Die von uns geforderte Unterschutzstellung gemäss Art. 26 KNHG allerdings hat der Kanton irritierenderweise verweigert. Eine Unterschutzstellung wäre allein durch die Selbstbindung des Kantons geboten gewesen; darüber hinaus wäre sie ein wichtiges Signal nach aussen, und sie hätte den Absichtserklärungen der Verantwortlichen, den denkmalplegerischen Aspekten Rechnung tragen zu wollen, die nötige Verbindlichkeit verliehen. An ein Schutzobjekt werden - etwa in Bezug auf energetische oder feuerpolizeiliche Optimierungen - andere Massstäbe angelegt als an ein «normales» Renovationsobjekt. Das ist im Hinblick auf eine denkmalgerechte Restaurierung ein entscheidendes Moment und es erleichtert auch den Auftrag und die Aufgabe der Bauherrschaft, also des Kantons.

Den im Jahre 2016 ausgelobten Gesamtleistungswettbewerb konnte der Churer Architekt Pablo Horvàth (zusammen mit der Implenia AG) für sich entscheiden; das Siegerprojekt trug den programmatischen Titel «Weniger ist mehr» (vgl. Beitrag im tec 21).

Nach dem Wettbewerb liess die kantonale Denkmalpflege ein Gutachten zur Schutzwürdigkeit der Bauwerks mit der Defintion des Schutzziels und des Schutzumfangs erstellen. Auf die Festlegung denkmalpflegerischen  Richtlinien allerdings wurde verzichtet. Gerade die öffentliche Hand aber stünde in der Verantwortung, ein kantonseigenes Baudenkmal vorgängig seiner Renovation in all seinen Aspekten seriös zu erforschen und auf der Basis einer solchen Analyse verbindliche Leitlinien für den Eingriff zu formulieren.

In der Zwischenzeit wurde das Wettbewerbsprojekt von Pablo Horvàth weiterentwickelt. Grosse Sorgfalt manifestiert sich in der geplanten Instandsetzung der Sichtbetonfassaden. Auch soll die Grundstruktur im Innern erhalten bleiben. Darüber hinaus sind allerdings aus denkmalpflegerischer Sicht höchst bedenkliche Eingriffe geplant. Um die geplanten zerstörerischen Eingriffe in die Originalsubstanz namentlich der BewohnerInnenzimmer zu verhindern hat sich der Bündner Heimatschutz in einer Allianz mit allen wichtigen nationalen Fachverbänden an die Bündner Regierung gewandt und einen Marschhalt bei der geplanten Renovation gefordert. Nachdem nichts in diese Richtung geschah, deponierte die genannte Allian bei der Bündner Regierung eine Aufsichtsbeschwerde gegen die Hauptverantwortlichen des Umbauvorhabens (mehr). Die Aufsichtsbeschwerde wurde Ende Januar 2019 abgewiesen.

Aufgrund seines guten Zustands, des ausserordentlich hohen Masses an noch vorhandener originaler Substanz sowie der Nutzungskontinuität hätte die Instandsetzung des Konvikts zu einem Leuchtturmprojekt im Umgang mit Bauten der Nachkriegsmoderne werden könne, der denkmalpflegerische Sorgfalt mit nutzungsmässiger Funktionalität und sparsamen Einsatz der Mittel verbindet. Dazu aber hätten die Ansprüche, die an das Gebäude gestellt werden, mit dessen Denkmalcharakter abgeglichen werden müssen. Nur so bliebe ihm nach der Intervention sein Schutzwert erhalten. Es hätte der expliziten Verpflichtung auf eine  «schonende Restaurierung» bedurft, wo der Erhalt des Originals die höchste Priorität hat und sich die Eingriffe auf das Notwendige beschränken.



 


 

 
Im Bündner Monatsblatt 1/2013 geht der Architekturhistoriker Michael Hanak eingehend auf die architekturhistorische Bedeutung des Churer Konvikts ein
 
(PDF).



Das Churer Konvikt wird auch in dem von Leza Dosch verfassten Architekturrundgang zur Nachkriegsmoderne in Chur behandelt (mehr).


Communiqué SIA, BSA, SWB, VSI und BHS vom 27. Juni 2018

MM BHS vom 29. Juni 2018

Aufsichtsbeschwerde vom 3. Oktober 2018


Rote Liste

Swiss Architects

Südostschweiz am 29. Juni 2018

Sendung Schweiz aktuell vom 24. Juli 2018

Beitrag in Hochparterre 8/2018

Beitrag in der NZZ vom 15. August 2018

Südostschweiz am 17. Oktober 2018

Phoenix Oktober 2018

   




 
Letzte Aktualisierung
09:36:27 25.01.2019
 
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