Die geplante Überbauung basiert auf dem zwischen 2016 und 2019 ausgearbeiteten Quartierplan Hinder Selias, dem seinerseits ein (allerdings unverbindliches) Richtprojekt zu Grunde liegt. Im Dezember 2020 wurde der Quartierplan vom Churer Stadtrat genehmigt. Maladers ist seit Januar 2020 Teil der Stadtgemeinde Chur.
Wie dem Genehmigungsentscheid zu entnehmen ist, hatten gegen den Quartierplan mehrere Personen Einsprache erhoben. Unter anderem wurden dabei auch ästhetische Argumente vorgebracht. So stellte ein Einsprecher fest, dass es «in Maladers keinen einzigen Bau» gebe, «der hinsichtlich Gestaltung, Proportionen, Dachform und Materialisierung auch nur den geringsten Bezug zu den vorgesehenen Bauten habe.»
Auch die Baukommission der Stadt Chur hatte aufgrund der mangelhaften ortsbaulichen Einordnung der geplanten Überbauung um eine Zurückweisung des Quartierplans samt Richtprojekt ersucht. Der Rechtskonsulent der Stadt sah die Sache allerdings weniger kritisch. Und der Stadtrat folgte dann doch lieber den Empfehlungen des Juristen, als sich dem Urteil seiner Baukommission anzuschliessen.
Gemäss den rechtskräftigen Quartierplanvorschriften unterstehen «sämtliche baulichen Eingriffe im festgelegten Quartierplanperimeter» Hinder Selias «der kommunalen Bauberatungspflicht». Eine Bauberatung macht selbstredend nur dann Sinn, wenn sie zu Beginn und während der Projektentwicklung in Anspruch genommen wird – geht es doch darum, dass die Projektverfasser ihre Ideen von einer unabhängigen, externen Fachperson ‘gespiegelt‘ bekommen und im Dialog mit dieser nach der bestmöglichen Lösung suchen.
Auf eine kritische Aussensicht hatten die Architekten der Überbauung Hinder Selias aber ganz offensichtlich keine Lust. Dem Bauberater wurde im Vorfeld der Baueingabe ein fixfertiges Projekt präsentiert, in der Erwartung, dass dieser schon keine grundsätzlichen Vorbehalte äussern würde. Dem war allerdings mitnichten so. In einer ausführlichen und nachvollziehbar begründeten Stellungnahme kam der Bauberater zu einem vernichtenden Fazit: «Es ist mir klar, dass das Dorf Maladers mit dieser städtebaulichen Erweiterung in seiner Schönheit und Kompaktheit stark und schmerzhaft leiden wird.»
Ganz anders hingegen sieht das natürlich die Architekten- bzw. Bauherrschaft. Die Eigenwerbung auf der Projektwebsite fällt geradezu ekstatisch aus: «Zeitgenössische Architektur im Einklang mit der Natur: Das Projekt 'Hinder Selias' spiegelt die klare Architektursprache des Büros CAMINADA; aus Trin wider. Die Verbindung von moderner Ästhetik mit der Identität des Ortes prägt ihre Arbeit und zeigt sich in zahlreichen realisierten Bauvorhaben, insbesondere in Ferienregionen. Durch den Einsatz von Sichtbeton und Holz als prägende Gestaltungselemente entsteht eine charakteristische, zeitlose Architektur, die sich perfekt in die alpine Landschaft von Maladers einfügt.[...] 'Hinder Selias' vereint auf meisterhafte Weise Ästhetik, Funktionalität und Nachhaltigkeit.» Marketing-Jargon in Reinkultur!
Im September 2025 wurde für die geplante Terrassensiedlung ein erstes, im Frühling 2026 ein zweites, minim revidiertes Baugesuch eingereicht. Im Rahmen der öffentlichen Auflage hat sich auch der Bündner Heimatschutz mit einer kritischen Stellungnahme vernehmen lassen.
Das Projekt tangiert die grundsätzlich Frage, wie sich die jüngst eingemeindeten Dörfer Maladers, Haldenstein (seit 2021 zu Chur gehörig), Tschiertschen und Praden (2025) entwickeln sollen. Mutieren sie allmählich zur Agglomeration der Kantonshauptstadt – oder behalten sie ihre (bau-)kulturelle Identität als ländliche Orte bei? Das (noch vor der Eingemeindung von Tschiertschen und Praden verabschiedete) Churer Stadtentwicklungskonzept 2050 gibt hierzu eine klare Antwort: «Die neuen Ortsteile Maladers und Haldenstein werden behutsam, unter Berücksichtigung ihrer dörflichen Struktur, in das räumliche Gefüge der Stadt integriert.» Eine Überbauung, die sich ausgerechnet die im Zeichen der Nachkriegmoderne in einem städtischen Kontext entstandene Autorenarchitektur des Churer Konvikts (erbaut 1967–69!) zum Vorbild nimmt, wird dem Anspruch an eine behutsame Weiterentwicklung einer dörflichen Struktur ganz offensichtlich nicht gerecht.
Nach Bekanntwerden der Bauabsicht wurde auch die Politik aktiv. Im Mai 2025 gelangte die SP-Fraktion des Gemeinderats mit einer Interpellation an den Stadtrat, unter anderem zur Klärung der Frage, ob die Exekutive gewillt wäre, den 2020 genehmigten Quartierplan zu hinterfragen und überarbeiten zu lassen, damit er den ortsbaulichen Anforderungen entspricht. In seiner Antwort zeigte sich der Stadrat allerdings nicht bereit, diesem Wunsch nachzukommen.
Im Mai 2026 reichte Gemeinderätin Gulia Casale einen Auftrag zu Handen des Stadtrats ein, in dem sie einen Stop des laufenden Baubewilligungsverfahrens und eine Überarbeitung des genehmigten Quartierplans verlangt. Die Behandlung dieses Auftrags steht noch aus.
Und auch in Maladers selbst werden die Stimmen gegen das unsägliche Bauvorhaben laut und lauter. Im Mai 2026 lancierte die neu formierte IG Baukultur Maladers einen Offenen Brief, der innert weniger Tage von 134 Personen, darunter 77 Einheimischen unterzeichnet wurde. Darin wird der Stadtrat aufgefordert, das Bauvorhaben in seiner aktuellen Form abzulehnen und den Quartierplan unter Beizug der Gestaltungsberatung grundlegend überarbeiten zu lassen. Der Brief schliesst mit einem emotionalen Appell: «Es geht um das Bergdorf Maladers, dessen Gemeinschaft und Zukunft».
Grossprojekt in Maladers: So sieht die geplante Überbauung aus
Bericht vom 9. Oktober 2025