Die reformierte Kirche St. Johann in Schiers wurde kurz vor Annahme der Reformation im Prättigau zwischen 1519 und 1522 als katholische Kirche mit rechteckigem Langhaus und dreiseitig geschlossenem Altarraum erbaut. Der Chor verfügt noch heute über das ursprüngliche spätgotische Netzgewölbe. Das bauzeitliche Gewölbe des Schiffs wurde während des Prättigauer Aufstandes 1622 durch eine Pulverexplosion zerstört.
Geprägt wird der Innenraum der spätgotischen Kirche seit bald 100 Jahren von einer als Gesamtkunstwerk konzipierten Innenaussattung des Architekten Nicolaus Hartmann jun. Sie umfasst die Holzleistendecke über dem Schiff mit ihrem charakteristischen kleeblattförmigen Querschnitt, den Holzboden, das Brusttäfer, die hölzerne Empore an der Südwand, die Kirchenbänke, die hölzernen Hängeleuchter und Lampen sowie den monumentalen Orgelprospekt im Chor.
In einem im Auftrag der kantonalen Denkmalpflege erstellten Gutachten kommt der renommierte Kunsthistoriker Dr. Leza Dosch zu einem unzweideutugen Schluss: Die 1928 von Nicolaus Hartmann jun. durchgeführte Innenraumgestaltung der evangelischen Kirche von Schiers ist ein bedeutendes Beispiel eines fast vollständig original erhaltenen Raum-Ensembles der Reformarchitektur, mithin das bedeutendste Beispiel einer Reformarchitektur im protestantischen Kirchenbau Graubündens überhaupt. Er empfiehlt dem Kanton, die Kirche mitsamt ihrer Aussattung unter kantonalen Schutz zu stellen. Es liegt, so Dosch, «in der Logik eines Gesamtkunstwerks, dass bei einem so bedeutenden Raum-Ensemble […] sowohl das Ganze als auch alle seine originalen Teile schützenwert sind».
Das Gutachten zur Schutzwürdigkeit des Schierser Kircheninterieurs wurde vom renommierten Kunsthistoriker Leza Dosch verfasst
Von besondererm Wert ist auch das zusammen mit dem Hartmann'schen Interieur 1928 in die Kirche gelangte Instrument. Die pneumatische Chororgel der Firma Metzler wird von renommierten Orgelexperten als gut erhaltene Rarität von grosser Klangqualität und nationalem Rang eingestuft.
Von der Einzigartigkeit zum Normalzustand. Besuch in der reformierten Kirche in Schiers GR
Musik & Liturgie, 2/2021
Eine «europäische» Orgel auf dem Dorfe. Zur Metzler-Orgel in Schiers GR
Musik & Gottesdienst. Zeitschrift für evangelische Kirchenmusik, 2/2021
Anlässlich einer Konzertreihe in der Kirche Schiers 2021 wurden Klangbeispiele der Orgel dokumentiert
Nun beabsichtigt die Schierser Kirchgemeinde, den Chor zugunsten einer «zeitgemässen Nutzung» freizuräumen. Am 6. Juni 2019 hatten die Kirchgemeindemitglieder über zwei Varianten einer Kirchenrenovation abgestimmt. Eine kleine Mehrheit entschied zugunsten der Variante «Neugestaltung», die den Rückbau der alten Orgel samt Orgelprospekt vorsieht. Die pneumatische Chororgel soll durch eine neue, im Langhaus situierte Orgel mit mechanischer Traktur ersetzt werden. Damit liesse sich, so die Argumentation, der Lichteinlass in die Kirche optimieren, das Heizsystem verbessern und vor allem die Nutzung des Chores freier gestalten.
Um die Teilzerstörung des bedeutenden Heimatschutz-Interieurs abzuwenden, hat der Bündner Heimatschutz die Bündner Regierung um eine kantonale Unterschutzstellung der Schierser Kirche ersucht. Denn nur damit wäre gewährleistet, dass die kantonale Denkmalpflege die Einhaltung der denkmalpflegerischen Anliegen effektiv einfordern kann.
Nach einem Jahr Bearbeitungszeit kam die Regierung zu einem erstaunlichen Entscheid: Der bislang schutzlose Bau kommt «mitsamt der für seine Wirkung wesentlichen Umgebung» unter kantonalen Schutz – vom Schutz explizit ausgenommen ist allerdings die gutachterlich als schutzwürdig anerkannte Innenraumausstattung von 1928
2023 hat die Gemeinde Schiers die Baubewilligung gegen das umstrittene Umbauprojekt erteilt – ohne je eine qualifizierte und transparente Interessenabwägung durchgeführt zu haben. Dem Bündner Heimatschutz fehlte die Legitimation, gegen diesen fragwürdigen Entscheid Rechtsmittel zu ergreifen.
Letztendlich ist es aber die Kirchgemeinde, welche die Verantwortung für die Zerstörung trägt. Zweifelsohne liesse sich die Kirche auch unter Wahrung der kulturellen Werte zeitgemäss weiternutzen. Sicher: Bei Schutzobjekten sind tatsächlich zuweilen gewisse Einschränkungen hinzunehmen. Mit Kreativität, gutem Willen und kultureller Sensibilität lässt sich aus der denkmalgerechten Nutzung wertvoller Objektes grosser Gewinn ziehen.
Denkmalschutz ist keine lästige Übung, sondern ein gesellschaftlicher Auftrag, den es als positive, zukunftsgerichtete Aufgabe zu evrstehen gilt. Wir Heutigen haben dafür zu sorgen, dass auch kommende Generationen die wichtigen materiellen Zeugen ihrer Geschichte erleben dürfen. Denkmäler lassen sich nun mal nicht vermehren. Einmal weg, für immer weg!