Das Bündner Naturmuseum in Chur wurde 1977/78 nach einem Entwurf von Bruno Giacometti (1907–2012) errichtet. Bruno war der jüngere Bruder von Alberto und Diego Giacometti. Und er gehört zu den bedeutendsten Architekten, die Graubünden je hervorgebracht hat.


Im Rahmen eines vom kantonalen Hochbauamt lancierten Architekturhistorischen Gutachtens hat sich der Kunsthistoriker Leza Dosch 2018 eingehend mit dem Bau beschäftigt. Der Schluss des renommierten Experten war eindeutig: «Als ein Hauptwerk Bruno Giacomettis und in seiner Funktion als einer der wenigen naturhistorischen Museumsneubauten der schweizerischen Nachkriegszeit erfüllt es die Voraussetzungen für eine Einstufung als Baudenkmal von nationaler Bedeutung.» Als Schutzziel schlug er denn auch vor, das Gebäude in seinem bei der Museumseröffnung von 1981 bestehenden Äusseren und Inneren, ohne die als variabel konzipierte Ausstellungsgestaltung zu erhalten und den Gebäudeumraum als freien, weder durch Anbau noch Aufstockung beeinträchtigten Leerraum zu bewahren, da dieser die Voraussetzung für die Wahrnehmung der volumetrischen Qualität des Bauwerks bilde.
Das Museumsgebäude hat einen gewissen Sanierungsbedarf was die Haustechnik, die Sanitäranlagen und die Erdbebensicherheit anbelangt. Zudem bietet es dem zwischenzeitlich angewachsenen Betrieb nicht mehr genügend Platz. Es besteht der Wunsch nach einem grösseren Saal für Veranstaltungen, mehr Flächen für die konservatorischen Arbeiten und einem Selbstbedienungscafé. Und es braucht mehr Raum für den Kulturgüterschutz.
Für die Instandsetzung und Erweiterung des Giacometti-Gebäudes lobte der Kanton im Frühling 2025 einen selektiven Projektwettbewerb aus. In Bezug auf die geplanten Massnahmen hielt das Programm fest: «Eine Erweiterung soll funktional und atmosphärisch auf das bestehende Gebäude abgestimmt sein und dessen architektonische Haltung weiterführen. Allfällige neue Einbauten oder Ergänzungen sollen den Charakter des Giacometti-Bauwerks bewahren.» Denkmalpflegerische Aspekte wurden also durchaus hoch gewichtet. Umso mehr erstaunt es, dass die Jury ausgerechnet jenes Projekt zum Sieger erkoren hat, dass dem im Programm formulierten Anspruch der grösstmöglichen Schonung des Baudenkmals am wenigsten gerecht wird (Jurybericht). Sicher: Das Siegerprojekt der Architektengemeinschaft Studio Esch Rickenbacher und Noun aus Zürich behält viel der vorhandenen Substanz bei. Aber: Der Entwurf des Gründungsbaus wird schrill übertönt, seine Identität und Zeitzeugenschaft letztendlich zunichte gemacht.




Das zur Weiterentwicklung empfohlene Projekt sieht eine starke Veränderung des bestehenden Gebäudes vor. Der Eingang – heute ein unauffälliger Gebäudeeinschnitt an der Ecke Masanser-/Brandisstrasse – wird versetzt und pompös inszeniert. Nicht minder pompös wirkt der (im Wettbewerbsprogramm gar nicht geforderte) überhohe neue Ausstellungssaal, der dem Gebäude fassadenbündig aufgesetzt wird. Der vornehm zurückhaltende Giacometti-Bau, der sich dank seiner präzisen Dimensionierung und Setzung perfekt in die kleinräumige Umgebung einfügt, wird zum dominanten Palast transformiert, der eine massstäbliche Anpassung an die Nachbarschaft bewusst negiert. «Der Baukörper wird logisch fortgeführt und zu einem neuen, eigenständigen Gebäude formuliert» – so das Lob des Preisgerichts. Doch ein «neues» Gebäude war eigentlich nicht das Ziel.
Der Entscheid der Jury war nicht einstimmig, was bei einem solchen Prestgeprojekt doch eher erstaunt. Hat sich vielleicht die Denkmalpflege, die mit nur einer Stimme im Beurteilungsgremium vertreten war, gegen das Verdikt gewehrt? Wir wissen es nicht. Bei Denkmalpflege-Fachleuten ausserhalb des Kantons jedenfalls hat das Wettbewerbsresultat Kopfschütteln ausgelöst. Und auch in der Bevölkerung regt sich Widerstand.
Fehlentscheidung beim Projekt zum Umbau des Naturmuseums
publiziert in der Südostschweiz vom 27. Januar 2026
Angesichts der Bedeutung des Giacometti-Baus wäre mehr Bescheidenheit angemessen. Die denkmalpflegerisch naheliegendste und wohl auch ökologisch nachhaltigste sowie finanziell attraktivste Lösung sah der Wettbewerb erst gar nicht vor: Das Baudenkmal bloss zu reparieren und zu ertüchtigen, wo dies nötig ist – und den zusätzlichen Raumbedarf ins benachbarte B12 auszulagern, das ja auch dem Kanton gehört. Da gibt es heute schon einen grossen Saal, Büros und einen funktionierenden Gastrobetrieb. Eine Chance, die es zu packen gälte. Jetzt.
Naturmuseum wird rundum neu – wenn das Stimmvolk das will
Südostschweiz/Schweiz am Wochenende