In den 1990er-Jahren stand der Wakkerpreis im Zeichen des Siedlungswandels. Gelobt wurde das Nachdenken über den Bestand und die Fähigkeit, die Zukunft auf den Schultern der eigenen Vergangenheit zu denken – im Bergdorf ebenso wie in der Grossstadt. 20 Jahre nach der Auszeichnung von Guarda ging der Wakkerpreis erneut nach Graubünden. Mit Splügen wurde 1995 eine Gemeinde mit starken Verbindungen zum Heimatschutz geehrt.

Vor dem Untergang bewahrt

Wäre es nach dem Willen der Elektrizitätswirtschaft gegangen, gäbe es heute kein altes Dorf Splügen mehr. Es läge auf dem Grund eines Stausees, wie auch ein Grossteil des Nachbardorfes Medels. 16 Jahre lang hatten sich die Bewohner:innen des Rheinwalds vehement gegen die Überflutung ihrer Talschaft und die damit verbundenen Zwangsumsiedlungen gewehrt – bevor der Bundesrat das gigantische Wasserkraftprojekt am 29. November 1946 definitiv versenkte. Den Existenzkampf der lokalen Bevölkerung hatte der Heimatschutz mit unterstützt.

Hintergründe zum geplanten Rheinwald-Kraftwerk

Das Bündner Monatsblatt 4/2016 widmet sich ganz dem geplanten Kraftwerk am Hinterrhein. Anbei vier ausgewählte Beiträge aus diesem Themenheft.

Peter Egloff

«Kampf um Rheinwald» – eine Bürgerinitiative und ihre Wiederentdeckung. Nachdruck der Reportage «Neu-Splügen wurde nicht gebaut»
Bündner Monatsblatt 4/2016, S. 385–407

Melchior Fischli

«Realersatz»? Dorfneubau vom frühen Heimatschutz bis nach Neu-Splügen
Bündner Monatsblatt 4/2016, S. 408–441

Hans-Ulrich Schlumpf

Mit Blumen, Bergen und Kühen gegen den Stausee. Bartholomé Schochers Propagandafilm «Rheinwald – Das Tal der freien Walser»
Bündner Monatsblatt 4/2016, S. 442–462

Patrick Schoeck-Ritschard

Zwischen Einsprechen und Mitmachen. Der Schweizer Heimatschutz und die Wasserkraft (1940–1950)
Bündner Monatsblatt 4/2016, S. 463–475

Sprung in die Moderne

Jahrhunderte lang hatte das Walserdorf am Fusse des Splügenpasses gut vom Transitverkehr auf der «Unteren Strasse» gelebt. Die Eröffnung der Gotthardbahn 1882 führte zu einem jähen Einbruch. Von diesem Schock erholte sich die Gemeinde erst ab 1966/67, als mit der Eröffnung der A13 und des San Bernardino-Tunnels auch der Tourismus in Schwung kam. Bereits 1960 waren am Hang gegenüber dem Dorfkern zwei Skilifte erstellt worden. Doch erst nach Fertigstellung der Nationalstrasse entwickelte sich Splügen zum Touristenort.

Splügen, 1967. Die Eröffnung der Nationalstrasse A13 mit dem San Bernardino-Tunnel katapultierte Splügen 1967 auf einen Schlag in die Moderne. Das Bauwerk trennte dies Siedlung in zwei Teile: das historische Dorf und das touristische Entwicklungsgebiet (© ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv)
Splügen, 1967. Die Eröffnung der Nationalstrasse A13 mit dem San Bernardino-Tunnel katapultierte Splügen 1967 auf einen Schlag in die Moderne. Das nationale Bauwerk trennte die Siedlung in zwei Teile: das historische Dorf und das touristische Entwicklungsgebiet

Ortsbildschutz und sanfter Tourismus

Das Splügener Oberdorf über dem rechten Ufer des Sustabachs, um 1955Das Splügener Oberdorf über dem rechten Ufer des Sustabachs, um 1955 (© ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Jules Geiger)
Das Splügener Oberdorf auf der rechten Seite des Sustabachs, um 1955
Splügen, um 1875 (© ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Unbekannt)
Blick über Splügen hinweg Richtung Splügenpassstrasse, um 1875

1970 hatte sich das Splügner Stimmvolk zu einer restriktiven Bauordnung durchgerungen, die Respekt gegenüber der Landschaft und den gebauten Zeugen der Vergangenheit zeigte, aber zugleich das für den Tourismus nötige Land bereitstellte. Leitgedanke der Ortsplanung war, auf jeden Fall die Sicht auf den Ortskern freizuhalten, der durch die A13 schlagartig in ein neues, viel auffälligeres Blickfeld gerückt war. Im Sinne einer harmonischen Siedlungsentwicklung wurden neue Baugebiete nur begrenzt und in einer Weise ausgeschieden, dass sie das historische Dorf möglichst nicht tangierten. Neben dem etwas abseits gelegenen Wohn- und Ferienhausquartier «Steinen» entlang der Splügenpassstrasse bildete vor allem die ehemalige Schwemmebene westlich des historischen Kerns einen Entwicklungsschwerpunkt. Mit dem strengen Zonenplan wurden der alte Ortskern und die Hänge oberhalb des Dorfes vor Überbauungen geschützt.

«Am Westausgang des Dorfes entwickelt sich ein eigentliches ‘New Splügen’. Das neue Schulhaus für alle Talgemeinden (1969), Wohnblocks für kantonale Beamte und Feriengäste und moderne Einfamilienhäuser verleihen diesem Dorfteil ein eigenes Gepräge. Der schützenswerte alte Dorfkern wird aber dadurch nicht beeinträchtigt; das ist eine der Folgen der zweckmässigen Ortsplanung, welche in Splügen noch zur rechten Zeit durchgeführt wurde.»

Splügen. Ein Dorf, ein Pass, eine Landschaft, hrsg. von Kurt Wanner, Splügen 1972

© Splügen. Ein Dorf, ein Pass, eine Landschaft, hrsg. von Kurt Wanner, Splügen 1972, S. 40
Gedanken zur Ortsplanung

Der Architekt Manfred Breymann verfasste in enger Zusammenarbeit mit dem damaligen Gemeindepräsidenten Kurt Wanner und dem Gemeindekanzlisten Christian Hössli die 1970 vom Volk angenommene «Ortsplanung Splügen». In dem von Kurt Wanner 1972 herausgegebenen Dorfbuch skizzierte er nochmals deren Leitgedanken.

Manfred Breymann

Probleme der Berggemeinde Splügen heute, morgen und übermorgen
in: Splügen. Ein Dorf, ein Pass, eine Landschaft, hrsg. von Kurt Wanner, Splügen 1972

Splügen war darauf bedacht, sich seinen ländlichen Charakter zu bewahren und setzte auf einen massvollen Familientourismus. Sehr im Unterschied zu San Bernardino, das sich zur selben Zeit ganz dem Massentourismus verschrieb. 

Das Bekenntnis zu einer sanfteren Art des Fremdenverkehrs bewirkte auch, dass die Gemeindeversammlung 1984 das Projekt einer Grosskabinenbahn auf den Piz Tambo ablehnte. Man begnügte sich mit einer weniger umweltbelastenden Gondelbahn auf die Tanatzhöhe; diese wurde 1995, im Jahr der Wakkerpreis-Vergabe, eröffnet.

Beitrag

Bernardino Dorf und Splügen – Gegensätze einer Entwicklungsvorstellung
NZZ, 15. Juli 1973, S. 31/32

Vom Schoggitaler ...

Bereits 1972 lobte der Schweizer Heimatschutz die «verständnisvolle, weitsichtige Behörde», die «durch konsequente Anwendung der Bauordnung und dank der einsichtigen Bürgerschaft, die den Sinn für das eigene kulturelle Erbe noch nicht verloren hat, Einbrüche in die vorhandene Bausubstanz weitgehend verhindert hat.» Der Schweizer Heimatschutz setzte sich aktiv für den Erhalt der Steinplatten-Dachlandschaft im alten Dorfkern ein.

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Steingedeckte Häuser im alten Dorfteil von Splügen (© Heimatschutz, 67/1972, Heft 3)
Steingedeckte Häuser im alten Dorfteil von Splügen, 1972

Die Bemühungen der Gemeinde, das historische Ortsbild trotz des sich anbahnenden Modernisierungsschubs zu erhalten und zu pflegen, wurden vom Schweizer Heimatschutz wahrgenommen – und tatkräftig unterstützt. So kümmerte sich der Verband intensiv um die Finanzierung der Dachrenovationen im Ortskern. Es sollte verhindert werden, dass die für Splügen charakteristische Dachdeckungen mit Gneisplatten durch kostengünstigere Eternitabdeckungen ersetzt wurden. 

1973 machte der Heimatschutz Splügen zum Thema des Schoggitalers. 100 000 Franken aus dem Talererlös sollten «eine Reihe von Initiativen auslösen und zu fruchtbaren Aktionen reifen lassen, die dem eigenwilligen, charaktervollen Ortsbild von Splügen zu äusserem Glanz, aber auch zu innerem zukunftsträchtigen Leben verhelfen können» (Heimatschutz 3/1973). Beim Engagement des Heimatschutzes ging es also um weit mehr, als die Bewahrung eines schönen Ortsbildes. Ziel war, «das Leben im Dorf zu erhalten und für alle Einwohner wirklich lebenswert zu machen; denn Splügen soll ja weder zu einem mondänen Touristenzentrum noch zu einem verklärten Ortsmuseum im Rheinwald gemacht werden» (Heimatschutz 3/1973).

Mit der Schoggitaleraktion 1973 wurde schweizweit für die Erhaltung des Ortsbildes von Splügen geworben; der Schweizer Heimatschutz anerkannte damit die Leistung, die die Gemeinde bis dahin für die Wahrung ihres Siedlungscharakters im Rahmen einer verantwortungsbewussten Raum- und Wirtschaftspolitik erbracht hatte.

Grafik Schoggitaler
Grafik des Schoggitalers 1973
Zeitdokument

Beitrag des Schweizer Fernsehen zur Schoggitaler-Aktion 1973
25. September 1973

Beiträge

Anlässlich der Schoggitaler-Aktion 1973 widmete der Schweizer Heimatschutz dem Dorf Splügen eine Ausgabe seiner Verbandszeitschrift (3/1973)

... zur Stiftung Pro Splügen

Mit Starthilfe der Schoggitaler-Sammelaktion wurde 1973 die «Pro Splügen» ins Leben gerufen. Die bis heute bestehende Stiftung hat zum Zweck, alle Bestrebungen zur Erhaltung, Pflege und schonungsvolle Entwicklung des historischen Ortsbilds von Splügen zu unterstützen und zu pflegen.

Prägende Figur der Stiftung war seitens des Heimatschutzes der Architekt und Bauberater Robert Steiner (1931–2015). Er gehörte zu den progressiven Kräften des Vereins, die 1975, just im Jahr der Wakkerpreis-Vergabe an Guarda, eine kritische Wertediskussion auslösen sollten. Im Kern stand die Frage, ob der Verband eine konservierende Bau-, Volks- und Laienkultur stützen oder sich stärker aktuellen Fragen der Raumplanung, des Umweltschutzes und der Lebensqualität widmen wollte. Die von Steiner propagierte Haltung, dass sich der Heimatschutz vom Erbe der Geistigen Landesverteidigung verabschieden und als eigentliche Umweltorganisation positionieren müsste, sollte gegen Ende des Jahrzehnt endgültig durchsetzen.

Ein Ortsbild war für Steiner nur dann schützenswert, «wenn die Erhaltung dieses Lebensraumes nicht nur aus ästhetischen oder historischen Gründen im Interesse der Bewohner und einer weiteren Öffentlichkeit liegt, sondern auch aus tieferen Schichten kultureller, sozialer und psychologischer Gründe», wie er 1985 in einem Vortrag über «Ortsbildfragen» ausführte. Bei derselben Gelegenheit lobte er die Aufgeschlossenheit der Splügner Behörden gegenüber der Schoggitaleraktion und der daraus resultierenden Gründung der Pro Splügen, und auch dafür, die vom Heimatschutz angeregte Steinplattendachpflicht im Ortskern in einer Verordnung festgeschrieben zu haben.

«Jede Gesellschaft hat die Ortsbilder, die sie verdient. Vergleichen wir das Ortsbild von Splügen mit jenem von San Bernardino so spüren wir hier Gemeinsinn, Wille zur Bewahrung der Selbständigkeit, Identität mit dem Erbgut, Selbstbeschränkung und nachbarliche Rücksichtnahme. Dort erkennt man den Verlust der eigenen Mitte, durch wirtschaftliche Fremdherrschaft, Abhängigkeit durch Überschuldung und durch Verkauf von Eigentumsrechten, politische Strukturen, die dem Ansturm der Spekulation nicht gewachsen sind. Jenes Ortsbild präsentiert sich baulich uneinheitlich, disharmonisch, gegenüber der gewachsenen Umwelt rücksichtslos und für die Stammbevölkerung wenig lebensfähig.»

Robert Steiner, Ortsbildfragen aus der Sicht des Heimatschutzes, 1985

Einheitliche Steinplattenbedachung im Ortskern Splügen auf der Basis der Steinplattendachverordnung (© Robert Steiner, Ortsbildfragen)
Einheitliche Steinplattenbedachung im Ortskern Splügen auf der Basis der Steinplattendachverordnung
Robert Steiner

Ortsbildfragen aus der Sicht des Heimatschutzes
Referat anlässlich der Baugestaltungstagung in Splügen 18.5.1985
in: Jahresbericht der Walservereinigung Graubünden 1984, S. 23–29

Preiswürdig

Durch einen strikten Schutz des alten Ortskerns hatte Splügen seine baukulturelle Substanz bewahrt und sich durch eine rationale Zonenplanung gleichzeitig eine wirtschaftlich vernünftige, massvolle Weiterentwicklung ermöglicht. Diese Art Zusammenwirken von Ortsbilderhaltung und Tourismus bewertete der Schweizer Heimatschutz als vorbildhaft. Die Wakkerpreis-Vergabe 1995 wurde mit folgenden Worten begründet:

«Der Schweizer Heimatschutz anerkennt die Sorgfalt, mit der die Gemeinde Splügen einen sanften und nachhaltigen Tourismus entwickelt und gleichzeitig ihr schützenswertes Ortsbild bewahrt und pflegt. Splügen bildet auf diese Weise ein nachahmenswertes Beispiel für die Berggemeinden der Schweiz.»

Marco Badilatti

Vom Säumerdorf zum «sanften» Ferienort. Splügen wird mit dem Wakker-Preis geehrt
NZZ, 10. Juni 1995